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Eine Liebesgeschichte

Kalkglätte im WC

Die Kalkglätte in den Sanitärraumen der Stadthalle Feldkirch, genannt Montforthaus.
Gespräche wurden geführt mit Markus Mitiska, stellvertretend für die Architektengemeinschaft Hascher Jehle Architektur (Berlin) und Mitiska Wäger Architekten (Bludenz); mit Gerold Ulrich, dem Hersteller und Edgar Eller, dem Geschäftsführer des Montforthauses. Den Interviewten wurde eine Arena bereitet, in der sie pro Ökologie, Tradition, Regionalität und Handwerk kontra Standard und/oder Chemie hätten argumentieren können. Aber nein. Die Gespräche erzählten von vor Freude strahlenden Menschen, von einer Materialität, die in der Berührung zum Erlebnis wird, von Sorgfalt und Wertschätzung, von einem Haus, von einer Beziehung zu diesem Haus. Eine Liebesgeschichte. „Wir passen gut auf, auf unser Haus“, sagt ein sehr zufrieden klingender Edgar Eller.

Bauökologisch betreut.
Anstelle das Einzelne, die schöne Kalkglätte im WC, zu heroisieren, wird auf das Ganze gelenkt und von dort weiter noch zur Stadt als Auftraggeberin mit Verantwortung und Weitsicht. Feldkirch als Bauherrin ist e5-Gemeinde und führte 2015, im Jahr der Fertigstellung des Montforthauses, die österreichische Liste der e5-Gemeinden als energieeffizienteste Stadt an. Zugeständnisse dieser Art werden in Vorarlberg ernst genommen. Ganz oder gar nicht. Und kommunale Bauten sind im e5-Programm als ein Kernbereich fixiert. Die Stadt Feldkirch, das Bauamt, begleitete deshalb das Projekt mit einer bauökologischen Betreuung. Regional hergestellten Baustoffen mit guter Ökobilanz standen seitens der Bauherrschaft die Türen offen.

Kalk versus Dispersion
Gerold Ulrich betreibt in Satteins sein Atelier. Werkstatt und Hof sind gefüllt mit Materialexperimenten rund um das Thema Kalk und jedes Stück, selbst ein einfaches Glas mit Pigmenten, beinhaltet eine Geschichte. Das Herz seines Betriebs liegt jedoch ein paar Kilometer weit entfernt in einer idyllischen Lichtung mit Waldhäuschen. Der Kalkofen. Ulrich erzählt, dass „früher“ in jedem Dorf ein Kalkofen stand für das jährliche Weißeln der Häuser und Ställe. Neben der Schönheitspflege hatte die Kalkfarbe eine antibakterielle, also gesundheitliche Funktion zu erfüllen. Der Kalk wurde so produziert, wie ihn Ulrich heute in seinem selbst gebauten Ofen auch brennt: Kalksteine werden gesammelt (im Bregenzerwald), im Ofen geschlichtet und sieben Tage und sieben Nächte lang über dem Holzfeuer bei einer Temperatur von etwa 900 Grad Celsius gebrannt. Das Holz sammelt er im Wald. Der gebrannte Kalk wird im Anschluss gelöscht. Es ist ein Ereignis für sich, das Löschen eines Kalksteines zu erleben. Wie Zauberei. Ein Stein, ein Glas Wasser, ein bisschen Qualm und der Stein zerfällt in eine dickflüssige weiße Sauce.

Gerold Ulrich's selbst gebauter Kalkofen in Satteins. 2015

Vor gut einem halben Jahrhundert kannte das noch jedes Kind. Denn Dispersionen – darin enthalten sind u. a. Biozide gegen Schimmelbildung, Konservierungsstoffe und Lösungsmittel – wurden erst in den späten 1930er Jahren erfunden und gelangten effektiv dann erst in den 1950er Jahren in den Markt. Heute macht der jährliche Umsatz von Innenraumdispersionen in Deutschland zirka eine halbe Milliarde Euro aus. Gerold Ulrich deckt seinen Bedarf an Kalk mit ein bis zwei Bränden pro Jahr. Slow Material. Wer als Architekt einmal bei Gerold Ulrich zu Besuch war, wird früher oder später auch mit einem passenden Architekturprojekt und einem passenden Bauherrn wieder zu ihm zurückkehren. Zu den Architekten mit denen er bereits gearbeitet hat zählen Dietmar Eberle, Henke Schreieck, Cukrowicz Nachbaur und eben auch Mitiska Wäger. Markus Mitiska stammt aus demselben Dorf wie Ulrich. So gelangte die Kalkglätte auf einem scheinbar selbstverständlichen Weg in das Montforthaus und in die WC-Anlagen, die ein ebenso selbstverständliches Teilchen des Ganzen sind.

Ein Wohlfühlmaterial
Die Kalkglätte wurde einleitend für die Brüstungsbereiche vorgeschlagen und schließlich in die WCs mitgenommen. Sie ist wasserabweisend, zeigt eine bessere Dauerhaftigkeit als ein Anstrich und ist preisgünstiger als eine entsprechende Verkleidung aus Stein, Kunststein oder Beton. Das sind sachliche, gute Argumente, gepaart mit einer regionalen, umweltschonenden Herstellung und somit einer herausragenden Ökobilanz. „Doch letztlich überzeugend“ – und dieser Satz fällt in jedem Gespräch, mit jedem Architekten, der Gerold Ulrichs Kalkglätte beauftragt hat – „war das haptische Erlebnis des Materials“, sagt Markus Mitiska. Ein Handschmeichler, ein Wohlfühlmaterial. Ulrich hat die Technik neu erlernt und wiederentwickelt, wie er das für den Kalk- Mörtelboden oder das Kalkbrennen selbst auch schon getan hat. Der historische Wandbelag wurde bereits von den Römern angewandt, hatte im Barock einen zweiten Höhepunkt und geriet dann fast gänzlich in Vergessenheit. Ulrich baut das Material in drei Schichten auf: zwei bis drei Millimeter Kalkkleber, dann eine erste Schicht Kalk und mit der zweiten, nass in nass gearbeitet, wird die Kalkglätte verdichtet und anschließend mit Olivenölseife verseift, was sie wasserabweisend macht. Der Gesamtaufbau beträgt an die fünf Millimeter. In den WCs wurde auf Gipskarton aufgebaut, bei den Brüstungen auf Beton. Die Oberfläche wird – inzwischen eineinhalb Jahre alt – auch in den kommenden Jahren, wie das für Kalk so üblich ist, noch weiter erhärten und in diesem Vorgang CO2 aus der Luft binden. Ja, natürlich wurden auch Raumluftmessungen durchgeführt, mit äußerst positivem Ergebnis.

Text: Christine Bärnthaler

Infos:
www.calctura.com